Von Heiligenhafen in die Genner Bucht

Von Heiligenhafen über Bagenkop, Avernakö und Lyö in die Genner Bugt

Die See vor Heiligenhafen ist heute ruhiger als sonst: mit gerade einmal 10-15 Knoten weht es aus Nordwest. Der Sund zwischen Heiligenhafen und Fehmarn wiegt sich in leichten Wellen. Das Meer hat diese tiefdunkelblaue Farbe, die in der Farbscala "Baltic Blue" bezeichnet wird und die man nur hier an der Ostsee sieht - rede ich mir ein. Ich werfe einen Blick in die Seekarte, obwohl ich den Weg schon dutzende Male gefahren bin: Um die beiden Untiefentonnen der Graswarder Halbinsel herum und dann mit Kurs 330 Grad nach Nordwesten bis Fehmarn allmählich am Horizont verschwindet. Zuletzt sieht man nur noch den Kleiderbügel der Fehmarnsundbrücke und den ehemaligen Radartum. Während ich auf die Karte blickte, denke ich an vergangene Überfahrten zurück. Obwohl es nur 25 Seemeilen bis nach Langeland sind, haben wir auf dieser Strecke schon alles erlebt. Ich denke an die Überfahrt zurück, bei der uns auf halber Strecke Seenebel überrascht hat. Innerhalb weniger Minuten nahm die Sicht rapide ab. Man konnte den Bug gerade noch so im schummrigen zwielichtigen Nebel erkennen. Mit unserem Messinghorn begannen wir regelmäßige Nebelschallsignale an andere Schiffe ab zu geben. Irgendwo aus dem Nichts schallten die Nebelhörner der Großschifffahrt übers Meer. "Je tiefer der Ton, um so größer das Schiff", teilte ich meiner Crew mit. In Wirklichkeit hörten wir ausschließlich tiefe Töne, da wir uns mitten auf dem sehr intensiv befahrenen Kiel-Ostseeschnellweg befanden. Mulmig wird dir, wenn du ohne AIS und Radar nicht weisst, ob gleich eine der riesigen Fähren der Color Line vor dir auftaucht. Das mulmige Gefühl blieb, bis plötzlich, wie aus dem Meer gewachsen, Langeland vor uns auftauchte, im Sonnenschein.

Oder jener  Tag, an dem wir bei moderaten Bedingungen in Bagenkop starteten, um nach wenigen Seemeilen zurückzukehren: der Wind hatte unerwartet heftig zugenommen und innerhalb kürzester Zeit türmten sich hohe Wellen auf, gegen die wir nicht ankamen. Damals waren wir froh, zurück im schützenden Hafen zu sein. Die Metapher des "schützenden Hafens" begegnet uns im täglichen Leben häufig. Hier bekamen sie für uns eine ganz besondere Bedeutung.

Von alldem kann heute keine Rede sein: Himmel und Meer sind von diesem einzigartigen Blau, der Wind weht so wie er soll und es verspricht eine angenehme Überfahrt zu werden. Es wird kein anspruchsvoller Schlag werden. Wir freuen uns, denn es wird die erste längere Fahrt in diesem Jahr. Wir haben über den Winter gebastelt, geschraubt, lackiert, repariert und vor allen Dingen: neue Segel gekauft. Die sind jetzt angeschlagen und wir freuen uns auf die erste Fahrt unter Vollzeug.

 

Von Heiligenhafen nach Bagenkop
Von Heiligenhafen nach Bagenkop
 
Sonnenuntergang in Bagenkop
Sonnenuntergang in Bagenkop

Land in Sicht: Langeland steuerbord querab
Land in Sicht: Langeland steuerbord querab
 

Von Heiligenhafen nach Bakenkop

Kurz hinter dem Graswarder setzen wir die neuen Segel. Kurz darauf gleiten wir mit sechs Knoten unter Vollzeug nach Nordwesten. Der gesamte Bootskörper beginnt unter der Fahrt zu summen. Es ist genau dieses Geräusch und dieses Gefühl, dass das Glück beim Segeln ausmacht. Du gleitest mit Rumpfgeschwindigkeit durchs Wasser. Du kannst machen was du willst, schneller geht es nicht. Sechs Knoten ist nicht schnell, selbst ein wenig trainierter Jogger schafft das locker. Aber jetzt ist es schnell, rasend schnell, Wellen und Wasser fliegen geradezu vorbei, nur begleitet vom plätschern des Wassers und den gelegentlichen Rufen der Möwen.

Nach 3 Stunden lassen wir Fehmarn hinter uns. Wir haben gerade einmal zehn Seemeilen direkte Strecke zurückgelegt, das sind rund 18 km. Ab hier sind wir allein unterwegs, weit und breit ist kein Land und kein anderes Schiff zu sehen. Man meint, man wäre auf halber Strecke zwischen Europa und Amerika. Raus aus der Komfortzone der Zivilisation. Allein auf einer Welt fernab von Regeln, Gesetzen und Menschenansammlungen. Es ist wunderbar.

Bald darauf nimmt der Wind langsam ab und schläft schließlich ganz ein. Wir haben noch rund acht Seemeilen bis Langeland, dass schon am Horizont erkennbar ist. Wir holen die Segel ein und starten den Motor. Kurz darauf erreichen wir Bagenkop.

 

 

Von Bagenkop nach Avernakö

Der nächste Morgen, der Wind ist wieder da und wir starten in die dänische Südsee. Mehr als 20 kleine und große Inseln bilden ein wunderbares Revier. Keine der Inseln ist wie die andere: die großen Inseln sind bewohnt, auf den kleineren, wie Birkholm beispielsweise leben nur eine Handvoll Menschen. Einige kleinere Inseln sind unbewohnt und ein Naturparadies für Vögel, Robben und Seehunde. Der Wind ist heute gut gelaunt und wir kommen zügig voran. Es geht vorbei an der Insel Aerö, den Inselchen Strynö, Birkholm, Dreijö und schließlich an die Nordspitze von Avernakö. Am Horizont hat sich mittlerweile ein großes dunkles Tiefdruckgebiet aufgebaut. Es ist eines von der Sorte, die du am besten meidest, wenn du auf dem Wasser unterwegs bist. Auch uns steht nicht der Sinn nach einem abendlichen Unwetter, also laufen wir kurzerhand in den kleinen Hafen der Insel Avernakö ab.
In der Dorfkirche hängt – wie in vielen dänischen Kirchen – ein Schiffsmodell, dass von den Angehörigen von auf See umgekommenen Seeleuten gestiftet wurde. Es erinnert daran, dass das Meer nicht nur freundlich sein kann. An die Zeiten, an denen nicht sicher war, ob auf die Ausfahrt auch eine Rückkehr folgt. An die Tage mit Tiefdruckgebieten eben.

Im Vorraum der Kirche liegen Flyer zum 80. Jahrestag der Freundschaft mit der britischen Royal Air Force aus: Während einer Minenverlegeoperation am 16. Mai 1944 wurde die Lancaster LL 963 der Royal Air Force abgeschossen und stürzte ins Meer ca. 1 km südwestlich von Avernakø Hoved. Alle 7 Insassen kamen um. 3 verschwanden im Meer, während 4 Flieger gefunden und begraben wurden auf Avernakø, beziehungsweise in Åstrup, Fåborg und auf Drejø. Neben der Kirche steht bis heute ein Grabstein: Sergeant in der R.A.F. Howells 1022739, gefallen im Kampf um die Freiheit. Auch er kam von seiner Mission nie zurück. 

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Von Avernakö über Faaborg nach Lyö

Heute geht es über Faaborg, wo wir einen Einkaufsstopp machen und die Insel Lyo, auf der wir die Nacht verbringen weiter über den kleinen Belt. Hier ist der Meeresarm noch vergleichsweise breit und wir haben einen frischen Wind aus Süd West. Innerhalb kürzester Zeit baut sich eine rund anderthalb Meter hohe See auf. Wir haben rund 15-20 Knoten Wind und laufen einen wunderbaren Raumschots Kurs. Mit ihren 14 t Gewicht pflügt die Galatea unbekümmert durch die See. Ich muss daran denken, dass in vergangenen Jahrhunderten die Auswandererschiffe, die von Europa nach Amerika fuhren und den Nordatlantik überquerten, häufig nicht viel größer waren als unser Langkieler. Die seeunerfahrenen Passagiere ertrugen die mehrwöchige Überfahrt häufig unter Deck in katastrophalen Bedingungen, immer in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

in die Genner Bucht

Die Genner Bucht ist einer dieser wunderbaren einsamen Orte, wie man sie in Dänemark häufig findet. Im tiefen Meeresarm von Genner gelegen findet man am hinteren Ende eine kleine Bucht, von Wäldern und einem Naturschutzgebiet umgeben. Dort befinden sich zwei Ankerbojen des dänischen Segelverbandes.

Als wir am späten Nachmittag dort ankommen haben wir Glück: eine der beiden Ankerbojen ist frei und wir machen die Galatea fest. Wir liegen hier gut geschützt vor dem Wind und vor dem angekündigten nächtlichen Gewitter. Rund um uns nur Natur pur: alte Buchen, unzählige Seevögel und vor allen Dingen: Besuch von den Schweinswalen. Am Horizont ziehen die Segler einer Regatta vorbei, ansonsten: Einsamkeit und Ruhe pur. Vielleicht ist es der wahre Luxus unserer Zeit, sich an Orten aufzuhalten, an denen man allein und ungestört ist. Das ist in Europa nicht immer ohne weiteres möglich. Gibt es eigentlich überhaupt einen Grund, noch weiter zu fahren? Wir sitzen lange an Deck und schauen der Regatta nach. Eigentlich ist der Wind komplett weg und manches Boot auch nach Stunden nur wenige Meter voran gekommen. Was ist das? Schicksalsergebenheit? Chillen? Bewundernswerte Geduld?

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